Bereits seit einem Jahr ist der Fotograf Thomas Hoepker gemeinsam mit seiner Frau, der Journalistin Eva Windmöller, für den stern in der DDR akkreditiert. Sie leben in Ost-Berlin. Es war kein leichtes Jahr: Interessante Aufträge jenseits der vom Staat inszenierten Paraden und vorbereitete Interviews waren selten, wirklich freie Reportagen kaum möglich. Alles blieb vorsichtig, tastend, unter Beobachtung.
Einladung zur Finissage
Samstag, 28. Februar 2026, 14–18 Uhr
Vortrag und Führung mit Thomas Gust zu den DDR-Fotografien von Thomas Hoepker.
Special Guests: Annette und Axel werden Heinemann anwesend sein.
Hoepker war auf der Suche nach Motiven, nach Bildern, die nicht geplant waren, nach Momenten, die sich nicht sofort erklären ließen. Am 24. August 1975 beschließt er, eine Flugschau bei Magdeburg zu besuchen. Er fährt mit dem blauen BMW an den Stadtrand, wo Bauhaus-Tradition und Plattenbau nebeneinander stehen, als hätten sie sich widerwillig arrangiert. Auf dem Flughafen und den umliegenden Wiesen versammeln sich die Menschen, viele Menschen. Familien, Jugendliche, Paare und Kinder. Wolldecken werden ausgebreitet, Taschen geöffnet, es gibt Bockwurst und jemand reicht ein belegtes Brot weiter. Der Himmel ist grau, zwischen den Wiesen die dunklen Erdschichten, auf denen die Kleidung der Menschen leuchtet, herausgeputzt zum Großereignis.
Hoepker fotografiert aus der Distanz, oft mit dem Teleobjektiv. Die Farbe ist Teil seiner Bildsprache, nicht Beiwerk, sondern Bedeutung. Kodachrome hält nicht nur fest, es verdichtet. Es schafft eine Wirklichkeit, die bleibt.
Zur selben Zeit beginnt für Axel Heinemann ein Tag, der sich von Beginn an falsch anfühlt. Der Lehrling ist bei der Gesellschaft für Sport und Technik, der GST. Seit Tagen bewacht er mit seinen Freunden den Flughafen. Dienst ist Dienst, und heute ist keine Ausnahme.
Axel weiß, was es heißt, hier zu stehen, zu warten, zu funktionieren. Und er weiß ebenso genau, dass er eigentlich woanders sein will: bei Annette, seiner Freundin. Doch seinen Posten zu verlassen bedeutet Ärger, Fragen, vielleicht noch schlimmere Konsequenzen. Und doch entsteht in ihm dieser eine Wunsch, der stärker ist als alles andere: Er will sie sehen.
Und er hat einen kleinen Plan, der groß genug ist, um sich wie Freiheit anzufühlen: Seine Kameraden schließen die Reihen, sehen weg, stellen sich dichter zusammen. Axel verschwindet hinter den abgestellten W-50-Militärfahrzeugen. Dort wartet Annette Fries, mit dem Fahrrad gekommen, ein wenig außer Atem.
Als sie sich sehen, verliert die Umgebung ihre Bedeutung. Die Uniform, der Flughafen, der Lärm, die vielen Menschen – alles rückt in den Hintergrund. Man sieht sofort, dass sie verliebt sind. Nicht in einer großen Geste, sondern in der Selbstverständlichkeit ihrer Nähe. Axel nimmt sein Käppi ab und setzt es Annette auf. Eine kleine Bewegung, beinahe spielerisch, und doch voller Zärtlichkeit. Sie lächelt. Es ist der Moment, auf den Axel den ganzen Tag gewartet hat.
Er beugt sich zu ihr, will sie küssen – nicht hastig, nicht heimlich, sondern so, wie man jemanden küsst, den man vermisst hat. Dann sieht er es aus dem Augenwinkel. Ein Mann. Eine Kamera. Am Auge. Genau auf sie gerichtet. Axel flüstert Annette zu, sie solle nicht hinsehen. Sie werden fotografiert. Ein Gedanke schießt ihm durch den Kopf: nicht auszudenken, wenn dieses Bild morgen in der Zeitung erscheint. Doch der Moment ist bereits da. Der Auslöser klickt. Und mit diesem leisen Geräusch wird etwas festgehalten, das größer ist als Vorsicht oder Angst.
Das Foto wird zum Titelbild des stern-Magazins und fester Bestandteil der Thomas Hoepker Ausstellungen und Retrospektiven. Es ist das Covermotiv unseres Buches DDR / East Germany – Colour Works 1972–1990 geworden.

Diese Fotografie steht sinnbildlich für diese Zeit, für einen Staat, der sich selbst inszenierte, und für das Leben, das sich dieser Inszenierung entzog. Für einen militarisierten Alltag – und für einen privaten Moment, der daraus ausbricht. Eine Liebeserklärung, leise und unbeabsichtigt. Ein Kuss im Sommer eines Kalten Krieges.
Eva Windmöller notiert an diesem Abend: „Thomas Hoepker kommt von einer großen Luftfahrtschau in Magdeburg mit dem erstaunlichen Satz zurück: ‚Ich habe 25.000 zufriedene Menschen gesehen. Sie saßen auf Wolldecken auf der Wiese, sahen zum Himmel.‘“

1976 verlässt Hoepker die DDR. Objektive journalistische Arbeit wird zunehmend eingeschränkt. Er zieht mit Eva Windmöller von Ost-Berlin nach New York City. Axel und Annette heiraten im Jahr 1978. Aus dem Kuss wird ein gemeinsames Leben. Aus einem Moment eine Geschichte, die weitergeht. Am 23. März 2028 werden sie ihre goldene Hochzeit feiern.
Nachdem der stern nun einen Artikel zu unserem Bildband veröffentlicht hat, meldet sich das Paar von der Magdeburger Flugschau. Annette und Axel Heinemann kommen zu Besuch in unsere Galerie. Sie sitzen da und erzählen ihre Geschichte – nicht die des Fotos, sondern die dahinter.
Hinter Bildern findet sich das Leben, Fotografien bewahren Augenblicke, aber sie öffnen auch Räume, in denen Biografien sichtbar werden. Thomas Hoepkers Autorenfotografien verbinden Menschen über Zeit und Geschichte hinweg. Die Farbigkeit seiner Kodachrome- Aufnahmen schafft eine Wirklichkeit, die wir verstehen und die sich in unser Verständnis von Geschichte einschreibt. Zur Finissage unserer Ausstellung mit den DDR-Fotografien von Thomas Hoepker am 28. Februar werden Annette und Axel Heinemann anwesend sein. Dann werden sie wieder vor Ihrem Bild stehen.
PROGRAMM
Finissage: Samstag, 28. Februar 2026, 14–18 Uhr
Vorträge und Führungen (ca. 14:15 Uhr und 16:00 Uhr) mit Thomas Gust zu den DDR-Fotografien von Thomas Hoepker.
Sie können sich gerne via E-Mail info@buchkunst-berlin.de anmelden. Der Eintritt ist frei.
Special Guests zur Finissage: Annette und Axel Heinemann – die Protagonisten der DDR-Fotografie von Thomas Hoepker werden anwesend sein und ihre Geschichte erzählen.
GALERIE BUCHKUNST BERLIN
Ausstellungsdauer: 27. November 2025 – 28. Februar 2026
Adresse: Oranienburger Str. 27, 10117 Berlin
Öffnungszeiten: Do.–Sa., 14–18 Uhr
Kontakt: +49.(0)30.218 025 40, info@buchkunst-berlin.de

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Coverbild: © Thomas Hoepker/Magnum Photos | Edition von 25 | Größe: 45 x 60 cm | Fine Art PrintAlex Heinemann, Angehöriger der vormilitärischen Gesellschaft für Sport und Technik (GST) flirtet mit seiner Freundin Annette Fries während einer Flugschau bei Magdeburg, 20.08.1975



