Info: Das Interview wurde von der Autorin Vera Rüttimann für das Magazin Fotointern.ch verfasst. (Schweizer Rechtschreibung)
Vor 35 Jahren hörte die DDR auf zu existieren. Von 1974 bis 1976 lebte Thomas Hoepker mit seiner damaligen Frau, der Journalistin Eva Windmöller, in Ostberlin. Es entstand die wohl grösste Reportage eines westdeutschen Fotografen über die DDR.
Viele bisher unbekannte Farbfotografien sind im Bildband «Thomas Hoepker: DDR / East Germany – Colour Works 1972 – 1990» erschienen und derzeit in der Galerie Buchkunst Berlin ausgestellt. Galerist und Verleger Thomas Gust, aufgewachsen in Bautzen (DDR), erzählt kenntnisreich, über den berühmten Fotografen und die Entstehung des Buches.
1974 fallen vom Dach des Berliner Doms in Ost-Berlin tonnenschwere Engel aus Metall auf den Fussweg hinab, zwischen die Leute, die dort zur Arbeit gehen. Thomas Hoepker hat diese gefallenen Engel fotografiert. Sie sind am Schluss des Buches zu sehen. «So viel Entdeckung», sagt Thomas Gust zu Beginn des Interviews, das Fotointern vor Ort in der Galerie Buchkunst Berlin, die an der Oranienburger-Strasse in Berlin-Mitte, führt.

Engelsfiguren, welche vom schwer beschädigten Berliner Dom auf den Gehweg herabgefallen sind und auf dem Gelände der St.-Elisabeth-Kirche abgelegt wurden, Ost-Berlin, 1974. © Thomas Hoepker /Magnum Photos
Im Jahr 2022 haben Sie mit Ihrer Partnerin Ana Druga in Thomas Hoepkers Archiv in Southampton Bilder entdeckt, die nun in der Ausstellung und im Buch gezeigt werden. Wie haben Sie diese Aufnahmen gefunden?
Als wir 2022 in Thomas Hoepkers Archiv waren, um frühe Schwarz-Weiss-Fotografien aus Italien in den 1950ern für ein Buchprojekt zu scannen, schauten wir auf eine Regalwand, die mit ungefähr 100 Büro-Kartons gefüllt war. Irgendwann sagte Christine Kruchen, die Ehefrau des Fotografen: «Das sind alles Farbdias von verschiedenen Reportagen und Reisen. Kodachrome und Ektachrome-Dias, grösstenteils nicht gescannt!» Auf weissen Labels stand da zum Beispiel «Paris 61», «Hongkong 71» und eben auch auf acht oder neun Boxen «DDR» mit verschiedenen Jahreszahlen. Jeder Ordner enthält Konvolute von Plastikhüllen mit je 20 gerahmten Diapositiven. Sehr oft sind die Dias mit den damaligen Informationen, Ort und Datum, beschriftet.
Als ich aus einer der DDR-Kisten von 1975 ein erstes Dia herausnahm, zeigte es meinen Schulweg in Bautzen, einer sächsischen Kleinstadt bei Dresden in der ehemaligen DDR, in der ich aufgewachsen bin. Hoepker hatte hier eine grössere Reportage über die Sorben, eine slawische Minorität in der DDR, angefertigt. Ich hatte das Gefühl: Das war jetzt ein Zeichen. Jetzt muss man antreten und sich dem stellen.
Was war das für ein Gefühl, ein solches Dia in der Hand zu halten, das noch keiner ausser Thomas Hoepker gesehen hat?
Gänsehaut total. Ist das nicht die junge Katharina Thalbach, mit einer Zigarette lässig in der Hand? Momente der Geschichte, wie der Kuss unter dem Brandenburger Tor, oder eindrückliche Bilder aus dem Alltag der Menschen, welche wiederum starke Geschichten erzählen und die damalige Zeit reflektieren.

Schauspielerin Katharina Thalbach, 1976. © Thomas Hoepker / Magnum Photos
Noch einmal ein Blick zurück: Wie begann die Geschichte mit Thomas Hoepker und der Galerie Buchkunst eigentlich?
Meine Partnerin Ana Druga hat Thomas Hoepker 2015 kennengelernt. Und zwar durch den Verleger von Fotobüchern, Hannes Wanderer. Er plante ein neues Buch mit Hoepkers Fotografien von Muhammad Ali. Ana hatte für Pepperoni Books immer wieder Bücher gestaltet. Hannes Wanderer schlug sie als Designerin vor, und so durfte sie nach Southampton in das Archiv von Thomas Hoepker reisen, und dort alle Negative und auch Diapositive aus der lebenslangen Freundschaft des Fotografen mit dem Boxer sichten.

Thomas Hoepker (10.06.1936–10.07.2024) aufgenommen 2015 in Southampton, New York. Foto Ana Druga
Zwei Wochen war sie mit Thomas Hoepker und seiner Frau, der Filmemacherin Christine Kruchen, zusammen. Daraus ist eine intensive Freundschaft entstanden. 2022, zur Feier des 75-jährigen Jubiläums der Agentur Magnum Photos, deren Präsident Thomas Hoepker von 2003 bis 2007 war, haben wir in unserer Galerie die Ausstellung «My Way» mit Klassikern aus dem Werk von Thomas Hoepker gezeigt.
Und nun hängen wieder Bilder von Thomas Hoepker in Ihrer Galerie. 1974 wurde Thomas Hoepker als erstem westdeutschen Fotografen offiziell gestattet, in der DDR zu arbeiten. Wie kam es dazu?
In der Tauwetterperiode nach dem Machtwechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honecker und der Annäherung beider deutscher Staaten verpflichtete sich die DDR in einem Journalisten-Vertrag zum ersten Mal, westdeutsche Journalistinnen und Journalisten für die Berichterstattung aus der DDR zuzulassen. Als Thomas Hoepker von Stern-Chefredakteur Henri Nannen gefragt wurde: «Willst du zum Fotografieren in die DDR ziehen?», sagte Hoepker: «Nein, auf keinen Fall!» Da aber Eva Windmöller, seine damalige Ehefrau und Journalistin beim Stern, gern aus der DDR berichten wollte und auch akkreditiert wurde, ist er mitgegangen. Obwohl Fotoschaffende von der Verordnung klar ausgenommen waren, gelang seine Akkreditierung unter der Bezeichnung «technisches Hilfspersonal» seiner Frau. 1974 wird ihnen eine Wohnung zugewiesen und das Paar zieht nach Ost-Berlin, von wo aus beide Reportagen aus der gesamten DDR bis 1976 erstellen. In der Ausstellung gibt es eine Fotografie, aufgenommen aus dem 18. Stockwerk, aus dem Fenster der Wohnung im neuen Plattenbau in Weissensee.

Blick aus der Wohnung des Ehepaars Hoepker auf Plattenbauten im Ostberliner Stadtteil Weissensee, 1975
© Thomas Hoepker / Magnum Photos
Wie frei war der Stern-Fotograf in seiner Berichterstattung in der DDR?
Jedes Thema und der Umfang einer Reportage müssen beim Amt für Auswärtige Angelegenheiten vorgestellt und jedes Interview angemeldet werden. Die Genehmigungen werden erst nach Wochen oder Monaten erteilt, manchmal abgelehnt. Heute wissen wir aus den umfangreichen Akten und Protokollen der Staatssicherheit vom grossen Ausmass der Überwachung des Journalistenpaares: Im Stadtraum und in Restaurants werden sie von sich abwechselnden Mitarbeitern der Staatssicherheit beschattet, die Notizen zu Gesprächssituationen sowie zu Ort und Zeit der entstandenen Fotografien anfertigen. Die Massnahmen zur Überwachung des Paares auf seinen Reisen werden erarbeitet, während die beiden auf ihre Zusage vom Auswärtigen Amt für eine Reportage warten.

Bei Zittau, 1990. © Thomas Hoepker / Magnum Photos / Courtesy Buchkunst Berlin
Ihr Telefon wird abgehört, die Post geöffnet, und mit der Zeit benutzen sie verschiedene Codewörter, wenn sie sich in der Wohnung unterhalten, da sie vermuten, dass Mikrofone installiert wurden. Im ersten Jahr sind sie sehr isoliert und journalistisch am Verhungern, erhalten kaum Informationen oder Termine. Private Einladungen an ostdeutsche Journalistenpaare oder Verlagsleiter, mit denen sie bekannt sind, werden mit Bedauern abgesagt; die Angst vor Repressalien aufgrund der verbotenen «Westkontakte» ist begründet.
Thomas Hoepkers Bilder aus der DDR sind in Farbe. Eine Besonderheit!
Absolut. Man muss wissen: In der DDR hatte der Staat das Monopol auf Farbfotografie, auch wenn es für private Haushalte auch Farbfilme und Diafilme gab. Das Monopol auf Veröffentlichung lag bei den staatlichen Verlagen und deren Zeitschriften, wie etwa die Sybille oder die NBI (Neue Berliner Illustrierte). Die im Auftrag Fotografierenden bekamen Farbfilm-Material, oft aus dem Westen, da die eigene Produktion zu mangelhaft war. Diese Bilder dienten allein dazu, ein positives Bild der DDR herzustellen.

Ost-Berlin, 1984.© Thomas Hoepker / Magnum Photos
Und dann arbeitet Thomas Hoepker auch ganz anders als seine Ost-Kollegen. Was macht die Fotografien aus der DDR von Thomas Hoepker so besonders?
Man muss wissen, dass sehr viele DDR-Fotoschaffende in einer paradoxen, wenn nicht sogar schizophrenen Situation lebten und arbeiteten. Sie arbeiteten oft für Staatsaufträge, während ihre eigenen künstlerischen Arbeiten eher eine kritische Haltung gegenüber der Realität des Alltags in der DDR darstellten, von der sie wussten, dass sie sie nicht veröffentlichen konnten.
Erst nach dem Mauerfall werden diese Werksgruppen in ihrer künstlerischen Qualität und politischen Aussage als wichtige Bestandteile der deutschen Kunst- und Fotografie-Geschichte rezipiert.

Schaufenster eines Orthopädie-Geschäfts im Prenzlauer Berg, geschmückt für den Erster-Mai-Feiertag, Ost-Berlin, 1975 © Thomas Hoepker /Magnum Photos
Thomas Hoepker kann als westdeutscher Fotograf die Widersprüche zwischen dem staatlich propagierten Fortschritt und der Wirklichkeit in seinen Bildern hinterfragen und der Realität eine andere gegenüberstellen, als die der staatlichen DDR-Medien. Oft haben seine Fotografien auch eine humoristische Note. Hoepker findet im Alltag Sinnbilder der sozialistischen Realität: Er fotografierte immer wieder Schaufenster von Geschäften. Für ihn waren diese Schaufenster eine Miniaturabbildung der DDR, wie eine Art aufgebaute Theaterbühne. Da ist das Bild eines orthopädischen Fachgeschäftes: Aufgrund der Mangelwirtschaft hatten die nur eine Prothese. Deshalb liegen zusätzlich in der Auslage auch eine Baby-Box, ein Paar Strumpfhosen, ein Mieder, Kopfschmerztabletten und Sandaletten. Es ist kurz vor dem staatlichen Feiertag des 1. Mai, deshalb ist das Schaufenster, wie alle anderen auch, geschmückt. Kleine DDR-Fähnchen stecken in der Prothese.

Abblätternde Inschriften, welche grösstenteils aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg stammen, Prenzlauer Berg, Ost-Berlin, 1975 © Thomas Hoepker / Magnum Photos
Wie gelang es Thomas Hoepker, an die Menschen in der DDR heranzukommen?
Thomas Hoepker gelang es zwar nicht, wie geplant, aus dem Inneren der DDR zu berichten; die Angst der Bevölkerung, aufgrund des Verbotes von Westkontakten, sowie der Festlegung von Interviews und Reportagen, behinderten ein freies Arbeiten. Dennoch entstehen auf seinen Reisen und Streifzügen durch die Städte und Landschaften der DDR Porträts der Bevölkerung, welche sich auch den fotojournalistischen Grundlagen entziehen und ästhetische Strategien einer Inszenierung aufnehmen.
Die Farbe erweitert hier bei Hoepker die soziale Dokumentation in das Feld von Emotion und Empathie. Thomas Hoepker hat die Farbe schon früh in seiner Fotografie eingesetzt und immer als eigenständiges Element seiner Bildkompositionen empfunden.
Das Motiv der beiden Kohlemänner ragen dabei heraus ..
Ja. Die Fotografie der beiden Kohlenmänner vom Prenzlauer Berg aus dem Jahr 1974 ist im Gegensatz zu den idealisierten «Helden der Arbeit», die vom DDR-Staat propagiert wurden, ein Archetyp der Arbeiterklasse. Sie stellen sich den Herausforderungen ihres harten Arbeitsalltags in den zerfallenden Hinterhöfen Ost-Berlins.

Zwei Kohlenmänner bringen Braunkohle zu den Wohnungen im Prenzlauer Berg Ost-Berlin, 1974. © Thomas Hoepker / Magnum Photos
Dazu gehört ebenfalls das sich küssende Paar während einer Flugshow in Magdeburg, das auch das Buch-Cover ziert. Ein handgeschriebenes Transparent, das an einem LKW angebracht ist, verkündete über dem NVA-Soldaten: «Alle Kraft für das Wohl der Werktätigen – für das Glück des Volkes» – bei Hoepker besiegt hier die Liebe, den kalten Krieg, der junge Ordner der paramilitärischen Jugendorganisation hat seinen Posten verlassen und flirtet im Gras mit seinem Mädchen.

Angehöriger der vormilitärischen Gesellschaft für Sport und Technik (GST) flirtet mit einem Mädchen während einer Flugschau bei Magdeburg, 1974.© Thomas Hoepker / Magnum Photos
Das Bild «Altstoffsammlung im Prenzlauer Berg, Ost-Berlin, 1975“ gehört auch zu dieser Kategorie.
Ja. Es zeigt ein Pferdefuhrwerk, das mit Altglas beladen ist, vor einer Sammelstelle, die Teil des Recycling-Systems der DDR war. Das Pferdefuhrwerk war in den 1970er Jahren weit verbreitet, insbesondere, da moderne Fahrzeuge oft nicht verfügbar waren.

Pferdefuhrwerk vor einer Sammelstelle für Altglas, Berlin-Mitte, Ost-Berlin,1975.
© Thomas Hoepker / Magnum Photos
Zu welchen Kreisen in der DDR fand Thomas Hoepker Zugang?
Thomas Hoepker und Eva Windmöller hatten bereits ab 1975 Kontakt zu den DDR-Fotografen Arno Fischer, Sybille Bergemann, Ludwig Schirmer, dem Vater von Ute Mahler (später Mitgründerin der Agentur OSTKREUZ). Ihnen gelang schnell die Verbindung zu Personen des kulturellen Lebens, die der Entwicklung in der DDR mit einer kritischen Haltung gegenüberstehen und oft zu Freundschaften anwuchsen, wie Wolf Biermann, Günter Kunert, Stefan Heym, Katharina Thalbach und Reiner Kunze. Viele von ihnen hat Thomas Hoepker auch porträtiert.

Wolf Biermann in seiner Wohnung in der Chausseestraße, Ost-Berlin, 1974.
© Thomas Hoepker / Magnum Photos
Da er in seinem Diplomatenwagen nicht kontrolliert wurde, gab es viele Beschaffungswünsche, vor allem bestimmte Fotobücher, Fototechnik, aber auch einen VW-Motor und seltene Rundstricknadeln schmuggelte Hoepker in den Osten, während er die Fotografien der Kolleginnen und Kollegen aus Ost-Berlin in den Westen und in die Redaktionen brachte. Durch diese Kontakte mit Wolf Biermann und anderen, welche schon überwacht wurden, kam das Journalistenpaar schnell in das Visier der Staatssicherheit.
Thomas Hoepker dokumentierte nach dem Mauerfall ein Land in Auflösung.
Ja, er unternimmt einen Roadtrip durch die verschwindende DDR, kurz vor der Währungsunion und ein halbes Jahr vor der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten im Oktober 1990. Viele seiner Fotografien aus diesen Tagen wirken wie Sinnbilder: Er dokumentiert die anhaltende Umweltverschmutzung der Chemieindustrie sowie die ersten stillgelegten Braunkohle-Abbaugebiete. Ebenso interessiert ihn der Abzug der sowjetischen Armee aus dem Land. Die politischen Transparente und Plakate türmen sich zu Müllbergen aus vierzig Jahren Geschichte. Die NVA verkauft ihre Panzer am Strassenrand. Die Staatspropaganda der vergangenen 40 Jahre wird aus den Kellern geholt und türmt sich zu Müllbergen der Geschichte. An ihre Stelle treten im öffentlichen Raum neue Werbetafeln mit neuen Losungen vor die zerfallenden Häuser. Diese Landschaften lassen sich als Nachkriegslandschaften lesen.

Umschulung, Arbeitsamt Rostock, 1990.© Thomas Hoepker / Magnum Photos
1976 verliess Thomas Hoepker die DDR wieder. Wie kam es dazu?
Es wurde den Oberen in der DDR schnell klar, dass seine Reportagen kein Loblied auf die DDR werden würden. Die Tauwetterperiode in der DDR endete, auch mit Druck aus Moskau, 1976, Vieles wird wieder zensiert und verboten, spätestens mit der Ausweisung Biermanns fiel der Hammer und ein Exodus an Ausreisen von Kunstschaffenden sowie Kritikerinnen und Kritikern aus der DDR setzt ein. Hoepker und Windmöller verlassen im Herbst 1976 Ost-Berlin, da eine objektive Berichterstattung für sie nicht mehr möglich ist.

Mode- und Theatergruppe Allerleirauh (v.l.n.r. Renate Birkner, Frieda von Wild, Sylvia Chybiak, Frank Schäfer, Dome Hollenstein, Esther Friedemann, Kathi Reinwald, Katja Wischnewski) Prenzlauer Berg, Ost-Berlin, 1984.>
© Thomas Hoepker / Magnum Photos
1984 fotografiert Thomas Hoepker für mehrere Wochen eine Reportage in Ost-Berlin, welche über die kulturelle Szene der Stadt berichtet. Neben Theater-Aufführungen, staatlichen Festen und Konzerten entstehen auch Bilder der Subkultur im Prenzlauer Berg und Porträts von Arbeitern in Alt-Berliner Tanz-Lokalen.
Versteht sich die Galerie Buchkunst als Nachlassverwalterin des Werkes von Thomas Hoepker?
Wir sind vielleicht seine Chronisten. Ein Grossteil der Erlöse aus allen Verkäufen dient der Pflege, der Aufbereitung und auch der konservatorischen Erhaltung des Archivs. Die Dias und die Negative müssen kühl gelagert werden. Thomas Hoepker hat fast sieben Jahrzehnte durchfotografiert. Da ist ein sehr grosses Archiv entstanden, eine eigenständige Bildgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. … Obwohl Thomas Hoepker auch sehr kritisch in der Auswahl war, was aufgehoben wurde. Er war ein gefürchteter Wegwerfer, er hat so viele Vintage-Prints weggeworfen, bei denen heute Galeristen in Tränen ausbrechen würden!
Sie haben einmal gesagt, Thomas Hoepker ist ihr Lieblingsfotograf sei. Warum ist das so?
Wohl wegen der Vielseitigkeit. Wie der tschechische Fotograf Josef Sudek oder der US-Amerikaner Walker Evans ist Thomas Hoepker einer der wenigen Fotografen, der ein Werk mit einer eigenständigen Art von Fotografie geschaffen hat, was sich von klassischer Streetfotografie und Autoren-Fotografie mit humanistischer Haltung über die Farbfotografien bis hin in die 1990er Jahre zieht.
In New York schaffte er während der Terroranschläge vom 09/11 ein Bild, das heute als eine der bedeutendsten historischen Fotografien der jüngeren Geschichte gilt. In all seinen Serien steht immer der Mensch im Mittelpunkt. Er ist einer der ganz grossen Geschichtenerzähler. Durch das Privileg, seinem Werk so nahe zu stehen, kann ich auch immer wieder neue Geschichten entdecken und verstehen.
Interview: Vera Rüttimann




