Für seine international bekannte Langzeitserie Unequal Scenes fotografiert Johnny Miller Städte und urbane Räume aus der streng vertikalen Perspektive einer Drohne. Das 2016 in Kapstadt begonnene Projekt geht von einer grundlegenden Beobachtung aus: Gesellschaftliche Ungleichheit ist nicht nur ökonomisch oder statistisch erfassbar, sondern in die räumliche Organisation von Städten eingeschrieben. Grenzen zwischen Wohlstand und Armut manifestieren sich in Straßen, Mauern, Infrastrukturen, Grundstücksgrenzen und Übergangszonen – häufig dort, wo geografische Nähe auf radikal unterschiedliche Lebensbedingungen trifft.
Ausgehend von den bis heute sichtbaren räumlichen Folgen der Apartheid in Südafrika weitete Miller das Projekt auf Städte und Regionen in Afrika, Asien, Lateinamerika und schließlich auch auf die Vereinigten Staaten aus. Damit richtet sich der Blick zunehmend auch auf den gesellschaftlichen Raum seines eigenen Herkunftslandes und zeigt, dass räumlich manifestierte Ungleichheit keineswegs auf einzelne politische Systeme oder Regionen begrenzt ist. Millers Fotografien zeigen Stadt nicht als neutral gewachsene Form, sondern als gesellschaftlich produzierten Raum. Politische Geschichte, Eigentumsverhältnisse, Kapital, Planung und ungleiche Zugänge zu Boden, Mobilität, Sicherheit und Infrastruktur schreiben sich buchstäblich in ihre Oberfläche ein. Ungleichheit wird zur Landschaft.
Die Wahl der Aufsicht ist dabei mehr als ein formales oder technisches Verfahren. Der Blick von oben besitzt eine lange Geschichte als Instrument der Kartografie, Vermessung, militärischen Aufklärung und territorialen Kontrolle. Millers Fotografien übernehmen diese privilegierte Position, ohne ihre Geschichte oder ihre Machtstruktur auszublenden. Die Drohne erhebt sich über den Raum, verkleinert menschliche Körper und übersetzt gesellschaftliche Wirklichkeit in Flächen, Linien und Muster. Gerade diese Distanz erzeugt eine strukturelle Lesbarkeit, die der Wahrnehmung auf Augenhöhe häufig entzogen bleibt. Eine historisch mit Kontrolle verbundene Bildtechnik wird damit gegen die Verhältnisse gewendet, die sie sichtbar macht: Aus der Perspektive der Macht entsteht eine Perspektive auf Macht.
Die Horizontlosigkeit der Bilder verstärkt diesen Vorgang. Es gibt keinen klassischen Vordergrund und keinen Fluchtpunkt, von dem aus sich die Landschaft erschließt. Der Eintritt in das Bild erfolgt durch Entschlüsselung. Zunächst erscheinen Farbe, Geometrie, Verdichtung und nahezu abstrakte Ordnungen. Erst im weiteren Sehen werden Flächen zu sozialen Territorien, Straßen zu Grenzen und formale Kontraste zu Indikatoren unterschiedlicher Lebensbedingungen. Die Fotografien besitzen die Geschlossenheit autonomer Bilder und bleiben zugleich von gesellschaftlicher Information durchdrungen.
Unequal Scenes steht in der Tradition topografischer Fotografie und erweitert diese um eine gesellschaftskritische und politische Dimension. Die Serie zeigt die räumlichen und gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Menschen geschützt, gefährdet, eingeschlossen oder ausgeschlossen werden, und verweist auf die Systeme, die diese Gegensätze hervorbringen und stabilisieren. Die Aufnahmen untersuchen die Beziehungen zwischen Arbeit und Wohlstand, Zentrum und Peripherie, öffentlichem und privatem Raum sowie die Frage, wer Zugang zu Schutz, Ressourcen und gesellschaftlicher Teilhabe besitzt. Millers Bilder zeigen, dass die Ordnungen, die sie sichtbar machen, weder selbstverständlich noch naturgegeben sind. Was als Landschaft erscheint, ist zugleich Ergebnis historischer Entscheidungen und gegenwärtiger Machtverhältnisse – und damit grundsätzlich veränderbar.
Fotografie wird zu einem Instrument kritischer Sichtbarkeit: zur Darstellung von Unterschieden und zugleich zur Analyse der Strukturen, durch die sie hergestellt und fortgeschrieben werden.
In dieser Verbindung von formaler Autonomie und gesellschaftlicher Analyse entwickelt Miller eine eigenständige Bildsprache. Unequal Scenes ist zugleich künstlerische Fotografie und ein kritischer Atlas der globalisierten Gegenwart – eine Kartografie von Räumen, in denen politische Geschichte, Kapital und soziale Ordnung sichtbar Gestalt angenommen haben.
Begleitend zur Ausstellung erscheint im Oktober 2026 im Verlag Buchkunst Berlin die deutsch-englische Monografie Johnny Miller – Unequal Scenes. Der 208-seitige Band versammelt 88 Fotografien aus dem Langzeitprojekt sowie Texte von Edgar Pieterse, Johnny Miller und Thomas Gust.
Johnny Miller – Unequal Scenes
Fotografien: Johnny Miller
Texte: Edgar Pieterse, Thomas Gust und Johnny Miller
Größe: 23 × 30,5 cm (Hochformat), 208 Seiten
Hardcover, Halbleinen, 88 Fotografien
Sprachen: Deutsch, Englisch
Erscheinungsdatum: Oktober 2026
VERLAG BUCHKUNST BERLIN
ISBN 978-3-910897-00-7
€ 50,00 inkl. MwSt.



