Der sowjetische Frontfotograf Valery Faminsky kehrte Ende Mai 1945 aus Berlin nach Moskau zurück. Vor dem Krieg als Fotojournalist tätig, fotografierte er ab 1943 für die medizinischen Abteilungen der Roten Armee an den verschiedenen Fronten des Zweiten Weltkrieges. Neben diesen Dokumentationen entstehen im April und Mai 1945 künstlerische wie humanistische Aufnahmen vom Ende des Krieges und der Befreiung Berlins. Nach seiner Rückkehr ordnete er die knapp 500 Negative und Kontaktbilder, die er während der Ereignisse angefertigt und nur mit den notwendigsten Informationen beschriftet hatte. Er bewahrt diese bis zu seinem Tod im Jahr 1993 in seinem Archiv auf. Erst vor einigen Jahren wurden die weißen Papierkartons mit der Aufschrift „Germania“ entdeckt.


„Frontstraße nach Berlin, April 1945“: diesen Titel hat Faminsky auf die Rückseiten der hier abgebildeten Fotografien geschrieben. In einem Haus ist ein medizinischer Stützpunkt eingerichtet worden. Verwundete werden nach der Versorgung auf Fahrzeuge geladen und abtransportiert. Faminsky fotografiert vom erhöhten Standpunkt aus einem Fenster oder vom Dach des Hauses. Seine künstlerische Motivfindung und Umsetzung, die von den eigentlichen dokumentarischen Aufträgen abweicht, tritt hier deutlich hervor. Das klassische Sujet einer Landschaftsaufnahme mit einer raffinierten Perspektivwirkung entsteht, in welcher der Krieg scheinbar zur Bilderzählung und Komposition gerät. Die beiden Aufnahmen am MED-Punkt erscheinen auf den ersten Blick unübersichtlich, aber es lassen sich Vorgänge und Handlungen erkennen und rekonstruieren. Ein nur scheinbares Durcheinander, welches aber ein orchestriertes Verhalten, das Ausführen von Befehlen und Anweisungen zeigt. Diese Momente beschreiben auch die militärische Kraft und den Willen, diesen Krieg in Berlin zu beenden. Am Straßenrand stehen Eggen und Pflüge neben den Katjuscha-Raketenwerfern, deren Silhouetten sich im Staub zwischen den zerschossenen Häusern und Bäumen abzeichnen.

Faminsky fotografiert auf diese Art an mindestens drei verschiedenen Orten auf dem Weg nach Berlin. Auf einem anderen dieser Bilder scheint der Krieg vorüber, Pferde grasen hinter einem ausgebrannten Haus. Alles scheint still, das erste Licht des Friedens trifft hier auf die Pigmente Brandenburgs.


BILDBAND UND AUSSTELLUNG
Die Fotografien Faminskys sind in dem Bildband Berlin Mai 1945 neu aufgelegt worden und werden ab dem 09. September in der Ausstellung „Neue Zeit?“ – 75 Jahre Kriegsende im Willy-Brandt-Haus gezeigt.

Fotos: © Valery Faminsky, Arthur Bondar’s private collection. All rights reserved.