Am 18. April 1945 tobt der Kampf um die Seelower Höhen bereits seit zwei Tagen und Nächten. Es ist der Beginn der Schlacht um Berlin. An drei Fronten, welche von der Ostsee bis nach Görlitz reichen, stehen knapp 2,5 Millionen russische Soldaten der deutschen Verteidigung gegenüber. Am frühen Morgen des 16. April beginnt die Schlacht auf den Seelower Höhen, dem mittleren Frontabschnitt, mit einem Trommelfeuer aus 40.000 Geschützen. Weit mehr als eine Million Granaten zerreißen den Boden und die Körper.


Der deutsche Soldat Friedrich Schöneck berichtet davon: „Ein ohrenbetäubender Lärm erfüllt die Luft. Das ist gegenüber allem bisher Dagewesenen kein Trommelfeuer mehr, das ist ein Orkan, der über uns, vor und hinter uns alles zerreißt. Der Himmel ist glutrot, als wollte er jeden Augenblick zerspringen. Der Boden wankt, bebt und schaukelt wie ein Schiff bei Windstärke 10“. (aus: Tony Le Tissier: Durchbruch an der Oder, Bechtermünz Verlag, 1997)

Ostdeutschland, April 1945

Auf den Seelower Höhen greifen fast eine Million russischer Soldaten an. Deutsche Pioniertruppen hatten das Oderbruch geflutet und in einen undurchdringbaren Sumpf verwandelt, was ein Vorrücken der Panzerverbände kaum möglich machte und nur unter enormen Verlusten zu bewerkstelligen war. Diese letzte deutsche Hauptverteidigungslinie vor Berlin kostete mehr als 33.000 sowjetische Soldaten das Leben. Insgesamt starben hier mehr als 45.000 Menschen. Aber all diese Zahlen können uns heute nur wenig über die Ereignisse und Schicksale jener Tage vor 75 Jahren verständlich machen – Fotografien umso mehr. Die Wirklichkeitsnähe nicht gestellter Aufnahmen kann uns ein verlässliches Zeugnis liefern, welches an die Stelle der Generation tritt, die noch von diesem Krieg und ihren Ereignissen berichten kann.

Valery Faminsky, der als Frontfotograf für die militär-medizinische Abteilung der Roten Armee seit 1943 an den verschiedenen Schauplätzen des 2. Weltkrieges eingesetzt wurde, erzählt in seinen Bildern von der Wirklichkeit des Krieges, auch hier auf den Seelower Höhen. Seine Aufnahmen wurden erst vor vier Jahren nach seinem Tod in Moskau entdeckt. Sie zeigen eindringlich, welche Opfer dieser Krieg kostete.

Transport von Verletzten aus der Kampfzone mit Hunden. In der Nähe der Seelower Höhen, April 1945

Die Ausstellung „Neue Zeit?“ im Willy-Brandt-Haus in Berlin, welche mit drei fotografischen Archiven an diesen Krieg erinnern wird, sollte eigentlich schon im April eröffnet werden, wird aber aus aktuellem Anlass erst ab dem 10. September zu sehen sein. Hier werden auch die Fotografien Valery Faminskys gezeigt. Aus diesem Anlass ist auch eine Neuauflage des Bildbandes „Berlin Mai 1945 – Valery Faminsky“ erschienen. In ihm werden die Bilder von den Seelower Höhen gezeigt, der Weg nach Berlin und die Befreiung der Stadt dokumentiert. Mit dem Beginn des Friedens verbleiben Valery Faminsky noch weitere zwei Wochen in Berlin, um seine historisch und künstlerisch einmaligen Bilder vom Anfang einer neuen Zeit aufzunehmen.

In den kommenden Tagen werden wir Faminsky auf seinem Weg von den Seelower Höhen bis nach Berlin begleiten, wo am 8. Mai in den Straßen von Berlin die Kapitulation der Wehrmacht mit Funkwagen und Flugblättern verkündet wird.

Ostdeutschland, April 1945
Panzerbrigade während einer kurzen Pause. Seelower Höhen, April 1945

Fotos: © Valery Faminsky, Arthur Bondar’s private collection. All rights reserved.